Jeden Tag werden im Hochsicherheitslabor der Uniklinik in Genf neue Proben von Verdachtsfällen aus der Schweiz untersucht. Tendenz steigend.

Isabella Eckerle ist Leiterin desGenfer Zentrum für Neuartige Viruserkrankungen. Sie vermutet eine hohe Dunkelzahl. Die Infizierten haben oft Symptome, die den Bildern in den medizinischen Lehrbüchern wenig ähneln. Das macht es schwierig, Fälle zu erkennen.

Den höchsten Handlungsbedarf bei der Diagnose und dem Erkennen möglicher Affenpockeninfektionen sieht auch Christian Lindmeier von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Dieser ist auch unabhängig davon, ob die internationalen Experten des Notfall-Komitees der WHO empfehlen werden, den internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen oder nicht.

Laut seiner Aussage ist es wichtig, dass alle Länder darauf testen, denn das Schwerwiegende an den Affenpocken ist, dass sich nahezu jeder damit infizieren kann. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass in afrikanischen Ländern, wo die Affenpocken endemisch sind auch Kleinkinder an der Krankheit gestorben sind. Es kann sich also jeder damit anstecken.

Die Affenpocken unterscheiden sich vom Coronavirus insofern, dass diese auch über gemeinsam genutzte Dinge, wie zum Beispiel Handtücher, übertragen werden. Noch dazu sind sie sehr umweltstabil und können relativ lange Zeit auch außerhalb des Körpers überleben. Die gute Nachricht ist, dass die meisten Infektionen momentan relativ mild verlaufen. Herr Eckerle meint, dass Erfahrungen und Strukturen der Coronapandemie-Eindämmung genutzt werden können.

Täglich werden aus verschiedenen Ländern neue Ansteckungen oder Verdachtsfälle gemeldet. Weltweit zählen die Centers for Disease Control inzwischen mehr als 3300 bestätigte Fälle in 42 Ländern.Um einen internationalen Gesundheitsnotstand wegen der Affenpocken auszurufen, gibt es hauptsächlich drei Kriterien.Dazu zählen eine ungewöhnliche Verbreitung, ein Risiko zu einer internationalen Verbreitung und eine international koordinierte Antwort zu dem Ganzen. Wenn diese drei Fragen mit Ja beantwortet werden können, dann ist es möglich den Gesundheitsnotstand auszurufen.

Ein möglicherweise entscheidender Unterschied zum Anfang der Covid-19-Pandemie ist, dass es gegen Affenpocken bereits wirkungsvolle Impfstoffe gibt. Allerdings müssten diese allen, die sie brauchen, auch zur Verfügung stehen. Und zwar weltweit.WHO-Sprecher Lindmeier äußert sich, dass es wichtig ist, die vorhandenen Impfstoffe gerecht zu verteilen. „Es ist nicht wichtig, hier die ganze Bevölkerung zu impfen – also das, was wir im Moment von Covid kennen, ist sicher nicht nötig. Im Moment ist es wichtig, gezielt bestimmte Gruppen der Bevölkerung und natürlich auch Pflegepersonal zu schützen. Den Impfstoff, der auf der Welt zur Verfügung steht, auch gerecht zu verteilen und nicht massenhaft in einer Gegend.“

Wenn eine Lage ernst wird, beruft die WHO ein Notfallkomitee ein. Dieser entscheidet, ob weltweit Alarm gegeben wird. Das Gremium soll entscheiden, ob es sich – wie bei Corona – um eine „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ (PHEIC) handelt.